Barockreiten

By nessi | Archiv: Smalltalk

Hier ein Ausschnitt zum Nachlesen und Nachdenken aus einem Artikel (Quelle siehe unten):

Barockreiten
Pflege klassischer Reitkultur oder Kostümreiten mit anderen Pferderassen?
Gedanken zum Barockpferdefestival in Helle am 3./4. November 2007

von Dr. med. vet. Hildegard Baums

Zitat/Ausschnitt:
“Die Barockreiterei erfreut sich in den letzten Jahren zunehmender Beliebtheit. Die Rassevielfalt und andere Formen des Wettbewerbs üben auf viele Pferdeleute einen ganz besonderen Reiz aus. Das Organisationsteam in Helle hat mit dieser erstmalig durchgeführten Veranstaltung ganz zweifellos eine Lücke in unserer Region geschlossen und die Anhänger dieser Sparte der Reiterei mögen auf weitere Veranstaltungen dieser Art hoffen!

Ich möchte auch den Teilnehmern meinen Respekt aussprechen, bei einer solchen Veranstaltung mit zu machen. Und der erste Start ist immer aufregend, leicht ist man etwas stramm mit der Hand, reagiert doch das Pferd in Anwesenheit von Publikum und unter Prüfungsstress ganz anders als zu Hause beim Üben. Eine tolle Idee, um den Leuten die Möglichkeit zu geben “Turniererfahrung” zu sammeln.
Was mir nicht ganz klar wurde: ist es jetzt ein Wettbewerb oder nur ein kommentiertes Barockschaufenster? Denn ein klares Turnierreglement war nicht erkennbar; es waren sämtliche Zäumungen zugelassen, befremdete doch in der leichten Klasse, dass da schon Pferde auf Kandare gezeigt wurden. Ebenso war eigenartig, dass offensichtlich keine professionellen Richter geladen waren, sondern Schüler von Ihren Lehrern beurteilt wurden. eine Dame, die gut ritt und mit Ihren beiden prachtvollen Spaniern sowohl in der mittelschweren als auch schweren Klasse startete, bekam zu hören: “Ich kann Dich nicht beurteilen, da du Schülerin von mir bist”, dabei hat sie Ihre Pferde wohl selbst so weit ausgebildet und arbeitet erst kurze Zeit mit diesem Ausbilder zusammen. Die Musik war meistens gut gewählt, doch ritten manche alle drei Gangarten zu einem Musiktitel durch. Eine Kür zusammenzustellen ist viel Arbeit, Dank an die Reiter, die sich diese Mühe gemacht hatten.
In der Barockreiterei herrscht noch eine gewisse Gründerstimmung, die fruchtbar und spannend ist, aber auch mitunter nicht ohne Reibungen, denn es herrschen recht unterschiedliche Auffassungen über die Definition der barocken Reitweise. Manche halten es für Kostümreiten mit “barocken” Pferderassen, andere sind sich nur darüber einig, gegen die FN-Reiterei zu sein – das reicht nicht! Die Barockreiter, die so gerne die FN-Reiter verteufeln und die Elite der Reiterei gerne kritisieren, sollten sich vielleicht doch mal die Kriterien der FN zu Gemüte führen, wo bis zur Klasse L nur Trense zugelassen ist. Bei der FN muss man sich erst mal für einen Turnierstart über ein Reitabzeichen qualifizieren, erfolgreich
sein in den unteren Klassen, um dann ab Leistungsklasse 4 Prüfungen auf Kandare zu reiten. Das hat ja den tiefen Sinn, dass die Reiter ihr eigenes Können besser beurteilen lernen. Und unschöne Bilder, wie in Helle, dass die Pferde oft hinter dem Zügel gingen und offene Mäuler zeigten, vermieden werden. Schade auch, dass das Ganze von manchem mit “Kostümreiten” verwechselt wird. Da schreibt sich einer der Hauptakteure der Veranstaltung in Helle die “Klassisch-Portugiesische Reitweise” auf die Fahne, aber weder das Pferd, noch die Ausrüstung des Pferdes und die Ausstaffierung des Reiters entsprechen der portugiesischen Tradition. Und ausgerechnet die Unsitte auf dem Pferd zu rauchen, muss ja nicht übernommen werden. Seit 15 Jahren bin ich eng mit Portugal verbunden und habe noch nie erlebt, dass ein erst sechs Jahre altes Pferd in so hohen Lektionen präsentiert wurde, wie dieser bildschöne, hochqualifizierte Friese, der auf jeder Veranstaltung, die für Barockpferde stattfindet, in mindestens einem Auftritt pro Tag nur in Piaffen, Passagen, Spanischem Schritte und gestreckter Passage gezeigt wird – und das nicht erst seit er sechs Jahre alt ist, schon seit zwei Jahren ist er auf jeder Show. Zumal die Vertreter der Klassischen Lehre, wie die der Wiener Hofreitschule oder der Escola Portuguesa de Arte Equestre oder der Schule in Jerez, die gestreckte Passage als “künstliche und nicht natürliche Gangart” ablehnen. In Portugal zeigen die Töchter des bekannten Ausbilders Luis Valenca die gestreckte Passage in Ihren Schauen; aber die Pferde können vorher die kompletten Lektionen eines Grand Prix und sind nicht erst sechs Jahre alt.

Auch die Vertreter der spanischen Fraktion kamen in einem bunten Kostüm-Sammelsurium. Bandagen sind normalerweise in Prüfungen nicht erlaubt und in den iberischen Ländern in quitschbunt schon mal völlig unüblich. Die Hüte saßen bei den meisten nicht. Ich bitte das nicht falsch zu verstehen: es muss nicht jeder das korrekte portugiesische oder spanische Outfit haben, aber wenn man sich als Vertreter dieser Länder ausgibt, dann sollte es schon stimmen. Nach meiner Auffassung sollte im Barockreiten das Pferd wirken und der Reiter sich durch dezente Kleidung und Können qualifizieren. Manchmal wäre das klassische schwarz-weiß doch angebrachter.

[…] ”
Quelle: Der Oldenburger Reitplatz
Ausgabe 1 – März 2008

(167) comments

Add Your Reply
>