Geschichte aus dem Leben – Einsatzbericht

By ines | Archiv: Smalltalk

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17.48 Uhr.

Der Melder geht. Ein Krankentransport. Ich hasse KT´s. Dafür gibt’s Taxis.
„Worum geht’s?“
„Keine Ahnung. Dieter wohl in der Leitstelle. Hat wohl einmal mit der Hand auf die Tastatur gehauen, keine Ahnung, was das heißen soll.“
Wir stehen auf und gehen zum RTW. Die Adresse ist auf dem Melder erkennbar, also rollen wir erstmal los.
„40-41?“
„Ja, hört.“
„Geht um eine Beinvenenthrombose. Einweisung liegt vor. Überarbeitet euch nicht…“
Ein andere Auto schaltet sich ein: „40-41, seid ihr sicher, dass ihr das schafft? Sollen wir moralische Unterstützung leisten? Oder neuen Kaffee aufsetzen?! 50-52 befindet sich auf der Rückfahrt zur Wache, schönen Abend noch.“
Wir blödeln ein bisschen weiter, kommen am Einsatzort an.

18.03 Uhr

Die Tür ist offen, wir klingeln. Nichts passiert. Ich hasse es in fremde Häuser einzufallen.
„Hallo? Hallloooo??“
Ein leises Rufen erreicht uns. Wir drücken die Tür auf und gehen die Treppe rauf, sie endet direkt im Wohnzimmer. Der Fernseher ist an, vor ihm sitzt ein Mädchen, das sich weder zu uns umdreht, noch einen Ton sagt. Der Kollege und ich schauen uns an. Er schaut auf seine auffällig leuchtende Einsatzjacke, hält sich dann Augen und Ohren zu und grinst.
„Hallo, Rettungsdienst! Wir wurden gerufen? Wie können wir helfen?“
„Da.“
Die Hand des Mädchens weißt hinter ihrem Rücken Richtung Tür.
„Da ist meine Mutter.“
Ich schüttel mit dem Kopf. Seltsames Kind. Naja.
Im Schlafzimmer erwartet uns eine junge Frau. Sie sitzt auf dem Bett, es geht ihr nicht besonders gut. Sie gibt uns widerwillig ihre Einweisung. 3 Tage alt. Tiefe Beinvenenthrombose. Großartig.
„Warum melden sie sich denn erst jetzt? Bleiben sie bitte sitzen, wir holen einen Tragestuhl.“
Sie unterbricht mich barsch: „Ach, das ist ja nichts. Kann selber gehen. Los jetzt.“
Der Kollege bleibt bei der Patientin und redet auf sie ein, doch bitte sitzen zu bleiben. Ich gehe los um den Tragestuhl zu holen. Auf halbem Wege höre ich den Kollegen:
„Bring den Koffer mit. Und Sauerstoff.“
Ich gehe zügiger und ziehe den Koffer aus dem RTW. Im selben Moment ruft der Kollege: „Kollabiert!!“
Ich fluche. Hinter mir steht der Notarzt: „Bei uns in der Wache ist eh´nix los, da wollten wir mal schauen, ob ihr das schafft ohne uns. So einen fiesen KT… “
Er grinst.
„Nein schaffen wir nicht. Patientin kollabiert.“
Wir eilen die Treppe hoch bis ins Wohnzimmer. Die Patientin liegt zwischen Wohnzimmer und Schlafzimmer auf dem Teppich. Sie hat blaue Lippen, redet kraftlos und verwaschen.
Ihre Tochter schaut Fernsehen.
Ich öffne den Koffer, der Kollege hat eine Hand am Puls der Patientin und erklärt dem Notarzt mit knappen Worten die Situation. Der Sauerstoff ist noch nicht ausgepackt, da wird die Patientin grau.
Der Notarzt, der Kollege und ich schauen uns an.
„Scheiße“
Ich laufe nach unten um das EKG zu holen. Der NEF-Fahrer sitzt gelangweilt in seinem Auto.
„Hermann! HERMANN!! Trage vor die Treppe. Jetzt.“
Auf halber Höhe der Treppe kommen mir der Kollege und der Notarzt mit der Bewusstlosen Patientin entgegen.
„Kein Puls“
Scheiße.
Es hagelt Anweisung, Werte, Funksprüche.
„Hermann hol den Koffer“
„Rein ins Auto. Schnell.“
„EKG, Sauerstoff.“
„Asystolie, Sauerstoff nicht messbar.“
„Da sitzt ein Mädchen vor dem Fernseher.“
„Intubation ist fertig.“
„Ich drücke!“
Ich beginne die Reanimation.
„Da sitzt ein Mädchen vor dem Fernseher.“
„Welches Krankenhaus ist frei? Evangelische? Pius? Fahr irgendwie los.“
Der Kollege und ich blicken uns an. Ich drücke weiter, er geht nach vorne in den RTW.
„Da sitz ein Mädchen vor dem Fernseher.“
„Hermann- scheißegal. Meld uns im Ev an. Wir müssen los!!“
„Ich sag der Kleinen Bescheid… und im Ev.“

Die Tür geht zu, der Arzt intubiert, ich assistiere irgendwie, drücke weiter, versuche während des Anfahrens nicht umzufallen.

18.27 Uhr

Irgendwann ist die Beatmungsmaschine richtig eingestellt, das EKG ist geklebt. Das Martinshorn dröhnt. Ich drücke weiter.
Der Notarzt und ich sehen uns an.
„Scheiße.“
„Kannst du noch?“
„Ich mach weiter. Wir fahren bestimmt 20 min. Ich sag Bescheid, wenn wir tauschen müssen.“
Der Arzt greift nach dem Funk
„Leitstelle 40-41?“
„Ja? Was ist da eigentlich los bei euch?? Ist der 50-52 bei euch? Kann da niemanden erreichen!!“
„Wir fahren mit Alarm unter Reanimation zum Evangelischen Krankenhaus. Die sollen den Rea-raum frei haben. Sag denen, dass wir Ärzte brauchen, keine Studenten. Wenn das nicht klappt vergess ich mich. Wir sind um 18.50 Uhr da.“
„Verstanden“
Der Notarzt und ich reanimieren die Patientin fast 20min lang. Der Kollege fährt wie bekloppt um das Leben der Frau. Als wir im Krankenhaus ankommen tut mir alles weh, der Notarzt und ich sind nass geschwitzt. Ich falle fast aus dem Auto, als der Kollege die Trage aus dem RTW holt, während ich versuche weiter zu reanimieren.
„Warte, wir gehen so rein!“
Die Beatmung!! Denke ich und reiße den Schlauch der Beatmungsmaschine vom Tubus ab und werfe den Beatmungsbeutel auf den Bauch der Patientin. Ich fange mich und der Kollege rast mit der Patientin weg. Ich rappel mich auf und sehe, dass er fast in der Notaufnahme geparkt hat, als auf dem Parkplatz davor.
Der Kollege vom NEF hatte uns irgendwo überholt und die Ärzte im Krankenhaus informiert. Wir kommen mit der Patientin in den Reanimations-Raum, ich habe den Kollegen wieder eingeholt und beatme die Patientin. Der Notarzt drückt.
„Seit über 20 min?? Reanimation einstellen.“
Der Notarzt und ich schauen uns an.
„Reanimation einstellen.“
Wir treten einen Schritt zurück.
„Tot festgestellt um 18.52 Uhr.“
Der NEF-Fahrer sieht uns an:
„Ich hab der Kleinen Bescheid gesagt, dass ihre Mutter ins Krankenhaus kommt und dass es nicht gut um sie steht. Sie hat nur kurz geschaut und sich dann wieder zum Fernseher gedreht.“

Die Patientin war Altenpflegerin. Der Hausarzt wollte sie eigentlich aus der Praxis gar nicht nachhause gehen lassen, hat dann aber ihrem Drängen nachgegeben und ihr die Überweisung mitgegeben. Sie wollte noch ein paar Sachen packen.
Die Lungenembolie ist eine gefürchtete Komplikation der Beinvenenthrombose.
Die Patientin starb mit 38 Jahren.

Es gibt Einsätze, an die erinnert man sich ewig.

RTW: Rettungstransportwagen
NEF: Notarzteinsatzfahrzeug. (mit Notarzt und Fahrer besetzt)
40-41 oder 50-52: Funk-Codes für Einsatzfahrzeuge
Beinvenenthrombose: Verschluss einer Vene, Transport unter größtmöglichster Schonung um den Thrombus nicht zu lösen. Komplikation: Lungenembolie.
“Drücken”: Reanimation, Kompression des Brustkorbes des Patienten
Intubieren / Tubus: Schlauch, in der Luftröhre des Patienten, der Beatmung dient

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