Die alte Frau und das Pferd…

By GidranX | Archiv: Smalltalk

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Ein Erlebnis das mich gestern sehr nachhaltig beeindruckt hat muss ich einfach mal niederschreiben…

Die alte Frau und das Pferd..

Den Feiertag haben meine Freundin und ich mal wieder genutzt, um uns div. Ställe in näherer und weiterer Umgebung anzuschauen. Einen Tag zuvor war ich schon in einem kleinen Nachbarstadtteil unterwegs gewesen, auf der Suche nach einem kleinen Privatstall, der angeblich sogar eine Bewegungshalle haben sollte. Von diesem Stall hatte ich schon vor Jahren gehört, aber es konnte so wirklich niemand bestätigen, niemand wusste etwas genaues. Meine Freundin hatte vor über 20 Jahren schon davon gehört. Durch Zufall bekam ich von einem alt eingesessenen Hofbesitzer den Tipp, es bei Frau K. zu versuchen, dort stünde auch eben diese Halle! Ein paar Minuten später ging ich einen unbefestigten Pfad entlang, ich entdeckte einen Pferdehänger, der schon seit Ewigkeiten nicht mehr genutzt wurde, davor ein kleiner Misthaufen, der jedoch relativ frisch war. Eine leere Schubkarre davor. Eine scheinbar ungenutzte Pferdeweide, links des Pfades. Plötzlich stand ich vor einer uralten Holztür einer ebenso uralten Kate. Ein angelaufenes Messingschild mit dem Namen K. zeugte, das ich hier richtig war. Keine Klingel weit und breit – lediglich ein schmiedeeiserner Türklopfer. Ich atmetet tief durch, ein wenig unheimlich war mir das ganze schon. Ich fühlte mich als ob ich etwas verbotenes täte, wie ein Eindringling aber zumindest. Etwas zögerlich betätigte ich den Klöpfer, nichts. Noch einmal, wieder nichts. Irgendwie enttäuscht ging ich zurück zu meinem Auto und fuhr davon.

Es hatte mir keine Ruhe gelassen. Am nächsten Tag stand ich mit meiner Freundin nun erneut vor dieser Tür und betätigte wieder den Klopfer. Einen Augenblick später hörten wir plötzlich Geräusche von innen, das Schloss schnarrte leise, die Tür öffnete sich. Eine winzige, gebeugte Frau schaute erstaunt aber freundlich zu uns hinauf. Ihr Gesicht ist von vielen, vielen Falten durchfurcht. Hellblaue Augen blitzen hervor. Ihr ehemals blondes und nun von grauen Strähnen durchzogenes Haar wird teilweise von einer Häkelmütze bedeckt. Ihr schmaler Körper ist in einen alten und etwas zu großen, dunkelbraunen Mantel gewickelt. „Ich bin Frau Körfer, und wer seid ihr denn??“ Wir stellen uns vor und fragen, ob es richtig sei, dass sie Pferdeboxen vermiete und eine Halle dazu gehöre, wie wir gehört hätten? „Aber ja, kommt doch bitte herein“, lächelte sie wieder freundlich. Wir taten einen Schritt über die Schwelle – und in die Vergangenheit.

Wir standen in einem uralten, niedrigem und dunklem Stallgebäude. Das Holz war so alt, dass es schon schwarz war. Es gab ca. 4 Pferdeboxen, die erste Boxentür war geöffnet, man konnte relativ frische Späne erkennen. In dem Gang vor den Boxen, der gerade so breit war, dass man ein Pferd dort längs führen konnte, lag ordentlich aufgehäufelt frisches Heu. in der Nähe der geöffneten Box stand ein kleines Tischchen mit 2 Stühlen, ein paar Utensilien lagen darauf, so als wenn jemand dort des öfteren säße. Alles war sehr alt und sehr ordentlich. An den Wänden hingen aufgereiht Glasvitrinen, in denen hinter blinden Scheiben Unmengen von Schleifen von längst vergangenen Turniererfolgen zeugten. National wie international. Eine Menge Pokale ebenfalls. Mir lief ein Schauer über den Rücken.

Die alte Frau führte uns die Stallgasse entlang bis wir nach ein paar Schritten durch einen Eingang hindurch, inmitten einer kleinen Bewegungshalle standen. Sie hatte vielleicht die Maße 12 x 25 Meter, eine ordentliche Bande, einen fast blinden Spiegel an der langen Seite. Der Boden war so dunkel und alt wie das Holz. Man konnte erkennen, das vor kurzem noch longiert worden war. Während sie mit kleinen Trippelschritten vor uns her ging, erzählte Sie, dass ihr Mann vor vielen Jahren verstorben sei. Ihr Mann sei ein begabter Reiter gewesen obwohl ihm ein Bein fehlte. Sie hatten sich damals im alten Tattersall in der Stadt kennen gelernt. Ihr Mann sei immer was besonderes gewesen, eine Koryphäe, menschlich wie reiterlich. Seit er gestorben sei, wäre sie nicht mehr geritten – obwohl sie das durchaus noch könne, betont sie. Aber sie wolle nicht mehr. Es täte ihr leid, aber selbst ein Kanarienvogel sei ihr schon zuviel Veränderung, sie könne das nicht mehr und würde nur noch die Zeit abwarten, die bald für sie gekommen wäre. Wenn wir die Anzeige in der Zeitung lesen würden, sollten wir an sie denken. Ich schaue sie an und sage etwas hilflos, dass sie doch nicht so sprechen solle – Meine Freundin erkundigt sich, ob sie denn Hilfe habe oder ob sie hier alles allein machen würde? Nein, sie hat keine Kinder oder Verwandtschaft. Ein paar weitläufige Bekannte noch, aber auch die kämen nur selten.

Wir treten aus der Halle heraus und stehen verwundert vor einer Weide auf der ein großes, altes , schwarzes Pferd grast. „Und das ist Edward!“ Edward schaut nur kurz und freundlich auf und grast dann ruhig weiter.
Sie versorgt ihn allein. Reiten wolle sie nicht mehr. Ob ihr denn jemand dabei helfen würde? Nein, sie macht das alles allein. Edward würde sich wohlfühlen, auch wenn er alleine stünde. Sie ist ja für ihn da. Edward sieht gepflegt aus, genauso wie das Putzzeug, das ich ordentlich aufgereiht im Stall auf einer Bank hatte liegen sehen. Hufe, Fell, Gewicht – alles TipTop. Ich frage vorsichtig nach ihrem Alter, sie stockt und sagt das sie 1925 geboren sei – also ist sie mittlerweile 84 Jahre alt!! Edward müsste ungefähr 25 Jahre alt sein, genau wusste sie es nicht. Meine Freundin fragt, ob er denn auch brav sei? Sie nicht umrenne beim führen? Nein, nein – er sei ein gaanz lieber, kenne seine Wege und Zeiten. Ob ihr das Misten denn nicht zu schwer fallen würde, auch das verneint sie. Einfach wäre es nicht mehr, aber es ginge noch. Wieder erzählt sie von ihrem Mann, in ihren Augen schimmern Tränen – und das sie keine Veränderung für sich und das Pferd mehr wolle. Es täte ihr sehr leid, dass sie uns nicht helfen könne, aber ihre Zeit sei bald beendet. Wir versuchen sie und uns auf dem Rückweg aufzumuntern, sie müsse schließlich noch eine ganze Weile für Edward da sein, und überhaupt würden ihre Augen so lebendig blitzen…Sie lacht glockenhell auf,führt uns zurück zur Tür, vorbei an dem Tischchen vor Edwards Box, dem Sie hier Abend für Abend Gesellschaft leistet.
Freundlich verabschiedet sie sich von uns, wir machen einen Schritt durch die Tür – ins Tageslicht und in die Gegenwart zurück.

Herr Hans Körfer ist bei den „alten“ Reitersleuten hier ein Name. Er war bekannt für die äußerst feinfühlige Ausbildung der Pferde. Bedingt durch seine Behinderung genossen sie eine ganz spezielle Ausbildung. Er hatte (im Krieg vermutlich?) ein Bein verloren. Herr Körfer war sehr engagiert im Behindertensport, selbst sehr erfolgreicher Reiter und Richter. Ich habe versucht ein wenig zu ergoogeln und habe dort den ein oder anderen alten Zeitungsausschnitt gefunden. Seit dem Tod ihres Mannes hat die alte Dame die Zeit angehalten – und wartet….

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