Autistische Hündin und grosse Ratlosigkeit

By Aza | Hundegesundheit

Hallo ihr Lieben.

Das ist kein Pferdethema, aber hier gibt es ja auch einige erfahrene Hundebesitzer.

Ich bin heute (mal wieder) wirklich am Ende meines Lateins und einfach auf der Suche nach Input und neuen Ideen. Ich selbst bzw. wir haben nämlich mittlerweile keine mehr.
Das wird glaube ich lang jetzt, sorry dafür.

Es geht um unsere ca. 15 Monate alte Mastinohündin Isis. Wir haben sie mit knapp 4 Monaten, also vor beinahe einem Jahr, aus dem Tierheim genommen. Als verschrecktes, verschüchtertes Riesenbaby.

Vorweg, das ist nicht mein erster Hund, beileibe nicht. Und es waren vorher auch schon schwierige dabei, auch Tierheimhunde oder Pflegefälle, ich habe seit gut 20 Jahren immer mindestens einen Hund um mich – aber bei diesem beissen wir uns die Zähne aus.

Ich werde mal versuchen, ihr Verhalten zu beschreiben. Isis ist einerseits ein sehr ruhiger Hund. Ein Mastin eben. Im Haus merkt man kaum etwas von ihr, sie liegt eben auf ihrem Platz , oder meist neben mir bzw. meiner ältesten Tochter. Sie ist also nicht von sich aus nervös oder hibbelig .
Aber: sie hat vor allem und vor jedem Angst. Wenn ein Blatt vor ihr zu Boden fällt, bekommt sie einen Riesenschreck, wenn sie draussen läuft, und ihr eigener Schatten befindet sich plötzlich vor ihr, bekommt sie einen halben Herzinfarkt. Fressen ist bis heute nur möglich, wenn sich niemand bewegt. Einzige Ausnahme: andere Tiere. Pferde findet sie gut (ist ja schliesslich ei Hütehund.. :rolleyes: ), unsere beiden anderen Hunde auch, sogar die Kater (für einen war sie sogar – unfreiwillig – Mutterersatz).
Und Menschen.. sind ganz schlimm.
Das war von Anfang an natürlich so, wir haben keine Ahnung, was die Welpen erlebt haben, ich denke mittlerweile eigentlich gar nichts so wahnsinnig schlimmes. Nur dass sie die Wochen im TH , nachdem man sie mutterlos gefunden hatte, in ihrem Hüttchen sassen und nicht raus kamen. Nicht zum fressen, nicht um ihr Geschäft zu machen.
Wir waren uns natürlich im Klaren darüber, dass der Hund ein Trauma haben muss und haben das bewusst in Kauf genommen. Mit der Zeit würde sie schon auftauen und merken, dass es ihr nun gut geht. Dachten wir.
Tja, Pustekuchen. Mir ist einfach ein Rätsel, was in dem Hund vorgeht. Man kommt nicht an sie heran.
Sie ist noch immer auf Hab Acht, Berührung ist ausser in ganz seltenen übermütigen Momenten furchtbar für sie, überhaupt ist ihr jede Aufmerksamkeit einfach schon zu viel. Sie würde sich dann am liebsten in ein ganz tiefes Loch verkriechen.

Ein typisches Verhalten: morgens werde ich wach, der Hund freut sich (für seine Verhältnisse) , wedelt, läuft auf und ab, kommt her und schlabbt mir übers Gesicht – ein ganz normales Hundeverhalten, könnte man denken. Aber wehe, ich rühre den kleinen Finger. Dann jumpt sie bis ans andere Ende des Zimmers, bis heute.
Das ist symptomatisch für sie, so oder ähnlich verhält sie sich ständig. Sie klebt mir oder meiner Tochter auch ständig an den Fersen – aber nur in einer für sie angenehmen Distanz.
Es ist nicht möglich, diese Distanz abzuschaffen. Was haben wir nciht alles versucht. Wir dachten anfangs, sie braucht einfach Zeit. aber als sich nach 4 Monaten immer noch nichts tat – und der Hund immer öfter abpasste, wenn jemand die Tür öffnete, um dann Hals über Kopf nach draussen zu stürzen und natürlich auch nicht mehr wiederzukommen; als das einmal wieder genau dann geschah, als ich eigentlich dringend weggemusst hätte und wegen des Hundes einen sehr wichtigen Termin verpasste (Anmerkung: da wog sie schon 35kg, hätte noch gut 10kg mehr an Masse vertragen können, und war da schon für fremde Männer nicht ungefährlich; Männer hasst sie geradezu, meinen eingeschlossen, bzw. sie machen ihr am meisten Angst ), beschloss ich, dass es so nicht weitergehen kann, und wir entzogen dem Hund seinen Futternapf. Sie sollte nur und ausschliesslich aus der Hand gefüttert werden – was wir schon gleich anch ihrer Ankunft angestestet hatten, aber das war so ein Häufchen Elend und ausserdem völlig abgemagert, dass wir sie damals erstmal gepäppelt haben.
Das Ende vom Lied war, dass Isis von Freitag mittag bis Montag abend nichts, NICHTS zu fressen annahm. Montag abend nahm sie dann zögerlich ein paar Brocken.
In den 6 Wochen darauf machte sie ganz, ganz kleine Fortschritte. Sie hat z.B. gelernt, sich zu setzen und hinzulegen. Macht sie auch, wenn auch in mindestens 1m distanz. Aber der eigentliche Sinn der Übung, nämlich ihr zu zeigen, dass der MEnsch doch angenehm ist und sie ihn braucht, blieb aus. Da tat sich nicht viel mehr als eine Mücke gähnt.
Das einzige was sich tat war, dass sie wieder rapide abnahm, obwohl wir das wenige, das sie zu sich nahm, sehr fettreich gestalteten. Es gab ein paar Fortschritte, und dann wieder Riesen Rückschritte.
Brachte alles nicht viel.
Also bekam der Hund wieder einen Napf, wenn auch abends im wohnzimmer , neben uns. Das nahm sie an, und es veränderte auch nichts, weder in die eine noch in die andere Richtung.

Ich habe wirklich einfach noch nicht erlebt, dass ein Hund so ganz und gar nicht fähig ist, eine Bindung einzugehen. Nicht einmal übers Futter kommt man an sie heran. Auch nicht über Stimme und schon gar nicht über streicheln. Erübrigt sich zu erwähnen, dass der Hund natürlich auch nicht erzogen ist und hört – wie auch unter diesen Voraussetzungen?
Sobald sie draussen ist, bekommt man sie nicht mehr rein. Dann liegt sie mit einem traurigen Blick und hängenden Ohren vor der offenen Haustür im strömenden Regen, aber sie bewegt sich nicht, da kann man rufen und locken wie man will. Und sobald man raus geht – weg ist sie.
Das war für uns alle enormer Stress, wir waren ja praktisch Gefangene im eigenen Haus.

Allerdings: An der Leine ist das ein ganz anderer Hund. Na zumindest beinahe. Es ist wohl eher so als würde sie abschalten, weil sie eingesehen hat, dass sie sowieso nicht weg kommt. An der Leine bekommt man ihre Aufmerksamkeit, sie lässt sich sogar anfassen und streicheln. Sobald man die Leine einschnappt legt sich ein Schalter um bei ihr..

Nun war Isis zum ersten Male läufig – das ist das nächste, eigentlich sollte sie kastriert werden, aber ich habe Horror vor der Vorstellung, sie in die Klinik zu geben und die paar wenigen Fortschritte und noch mehr wieder von vorne anfangen zu müssen.
Natürlich haben wir während dieser Zeit ganz besonders aufgepasst, dass sie nicht rauswischen kann. Sogar die Kinder haben höllisch aufgepasst (unter der Androhung, dass sie sonst auch draussen schlafen müssten 😀 ). Und nach nun 5 Wochen nur und ausschliesslich Leine, nicht einem einzigen Mal nur frei spielen im Garten mit den anderen Hunden, immer nur an der Leine, konnte man sich einbilden, dass das wird. Dass sie offener wird. Das war auch so hier im Haus. Sie setzte sich zum Anleinen hin und blieb sitzen – früher ein Unding, da musste man sie in der letzten Ecke suchen gehen, irre wo sich solch ein grosser Hund drunter falten kann.
Sie wurde auch so ein bisschen aufgeschlossener und netter, sogar meinem Mann gegenüber.
sie ist wirklich super leinenführig, an der Leine hat man gar keinen Stress mit ihr, man kann mit ihr arbeiten, sie kann auch Spass haben, und auf ein Lob erntet man sogar ein Schwanzwedeln. Also war das insgesamt wirklich ein Grund, zuversichtlich zu werden.

Tja.. heute mittag dann musste ich mit meinem Mann zusammen dringend weg, ich hatte einen sehr wichtigen Termin. Bevor wir fuhren wollte ich nochmal mit dem Hund raus, hakte die Leine ein, ging raus – und ich weiss nicht, wieso, wahrscheinlich war der Schnapper an der Leine nicht richtig eingerastet, hielt ich auf einmal die Leine ohne Hund in der Hand. Isis merkte das natürlich augenblicklich (und die Leine ist nicht runtergefallen, ich hatte sie relativ kurz, weil wir gerade um die Hausecke bogen, also kein Grund zum Erschrecken) und machte einen Satz zur Seite. Lief vor mir her zum Weg und weiter, kam auf Rufen wieder – aber wie immer… auf Distanz. Ich tat mal so als w¨re nichts, lief die Paddocks nochmal ab, die anderen beiden Hunde (die auf der Terrasse wohnen), neben mir, Isis zwei Meter hinter uns. Dann bin ich wieder rein – Isis kam mit bis zur Terrasse, drehte sich um und legte sich in den Vorgarten. Nichts zu machen! Keine chance, an sie heranzukommen. No way.
So wie immer. Es hat sich nichts, nichts , nichts getan, nicht ein Fünkchen.
Der Termin liess sich nicht aufschieben, diesmal nicht, wir MUSSTEN fahren (ich hatte keine ruhige Minute..) aber eine Stunde später kam meine Grosse aus der Schule. Da hatte Isis offensichtlich genug, war auch ein Sauwetter heute, Regen und Sturm, und kam mit ihr nach drinnen.

Ich habe wirklich keine Idee mehr. Bin absolut ratlos. Und innerlich kurz davor, dem Hund neben dem Haus einen grossen Zwinger zu bauen.. Wir hatten solche Situationen wirklich schon ein paarmal, als ausgerechnet Leute kamen. Eine alte Frau hat sie auch schon gebissen, und für Männer ist sie u.U. richtig gefährlich. Kann ich das riskieren bei 60kg Hund? Nein, kann ich nicht.
Das Schlimme ist einfach, dass sich so gut wie nichts tut. Der Hund hat einen Tunnelblick und nimmt bestimmte Dinge offenbar gar nicht wahr. Eigentlich schon eine Verhaltensstörung (daher auch der Titel, wobei man sich um den Autismus Anführungszeichen denken sollte. )
Ich sehe den Punkt nicht bei ihr. Sie hat Angst, aber es ist nicht nur die Angst. Sie ist auch stur (Mastin), aber es ist auch nicht nur das. Es ist auch nicht nur eine Kombination aus beidem. Wie gesagt, meine Antennen versagen bei ihr.

Wenn sie nicht so eine liebe wäre, hätten wir sie wohl schon aufgegeben.

sorry für den Roman, der auch bestimmt verworren ist und ganz sicher kein vollständiges Bild von der Situation abgibt, aber es war schonmal gut, das einfach mal von der Seele zu schreiben. Ich bin auch für alle Ideen dankbar.

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