Heute ist ein ganz besonderer Tag für Magic und mich gewesen, daher eröffne ich jetzt ein Tagebuch für sie.
Magic ist eine Orlow Stute, geb. 2000. Vor zwei Jahren stand sie im Stall, als das Dach aufgrund von Eislast zusammengekracht ist. Sie hat das mit einigen Verletzungen im Beinbereich überlebt. Da der Stall zerstört war, wurde sie vorübergehend mit anderen Pferden in einer Reitbahn untergebracht, quasi als Laufstall. Dort wälzte sie sich, durchbrach mit dem Huf eine Wand und blieb stecken.
Dabei zog sie sich weitere Verletzungen an der Hinterhand zu. Ihre Hinterbeine sind so großflächig vernarbt, das dort kein Fell mehr wächst. Aufgrund dieser Erlebnisse war das Pferd traumatisiert. Es wurde, als es soweit wieder hergestellt war, von einer Frau geritten, die sie offensichtlich recht kräftig angepackt hat. Anstatt dem Pferd wieder Vertrauen zu geben, wurde es immer mißtrauischer und galt letztlich als unreitbar. Ein schweres Handicap für ein Reitstallpferd.
Daher stand das Pferd fast ein Jahr “ungenutzt” rum, was konkret heißt, das sie jeden Tag stundenweise auf die Koppel darf, longiert oder laufen gelassen wurde.
Nun komme ich ins Spiel :na:
Als ich in Shanghai ankam, noch ohne Stallklamotten, habe ich zuerst fleissig Pferde am Stall longiert. Als meine Reitsachen angekommen waren, hatte ich riding Assessment und sollte mir ein Pferd dazu aussuchen. Meine Wahl fiel auf Magic und der Stallschef fragte mich ob ich mir da sicher sei. Ja, das war ich ..
“Ok, dann versuch das mal” war die Antwort. Ich wußte bis dato nichts über die Vorgeschichte des Pferdes und beim longieren benahm sie sich völlig normal.
Als ich dann mein Assessment hatte, kam ich mir vor wie ein Reitanfänger. Das Pferd lief wie eine Giraffe mit weggedrücktem Rücken und wollte im Trab schon “durchgehen”. Alle paar Meter scheute sie an der Bande, was es kaum möglich machte auf dem Hufschlag zu reiten. Oupps. :tuete:
Beim anschließenden Gespräch erzählte der Chef dann, das sie ein wenig “speziell” sei und ich sie sehr gut geritten habe :panik:
Lange Rede kurzer Sinn.. ich habe dieses Pferd gepachtet und somit festgelegt, das sie von niemand anderem genutzt werden darf (das wollte ohnehin niemand.. zu dem Zeitpunkt 😉 ).
Die folgende Zeit verbrachte ich vorwiegend mit Schrittarbeit. Seitengänge um das Pferd beweglich und nachgiebig zu machen. Ganz kurze Trabreprisen mit dem einzigen GEdanken.. ruuuuhig, kein Rennen.. vorwärts abwärts.
An Galopp war überhaupt nicht zu denken.
Magic sieht regelmäßig Gespenster neben der Bande und ist stets und ständig auf dem Sprung zur Bahnmitte. Im Laufe der Zeit wurde das weniger aber es ist immer noch nicht weg. Irgendwann hat sie gemerkt, das ich ihr keinen Streß mache und sie fing an, den Kopf fallen zu lassen. Dann konnte ich mit meinem Sitz das Tempo im Trab variieren. Schritt für Schritt fing sie an, mir zu vertrauen.
Zwischendurch habe ich ihre Zähne behandelt. Die zu langen Schneidezähne gekürzt, Schärfen an den Backenzähnen entfernt und zwei Wolfszähne gezogen. Dann habe ich ihr noch ein anderes GEbiss verpasst und reite sie mit einem Kimblewick. Sie mag die ruhige Stange lieber als eine Wassertrense.
Nach der Zahnbehandlung fing sie an ans GEbiss ran zu treten und es anzunehmen. Vorsichtig habe ich zwischendurch mal angefragt ob ich im Trab auch aussitzen darf. Sofort schoss sie wieder los und war fest im Rücken.. ok, also weiter leichttraben und viel Seitengänge im Schritt. Stück für Stück oder vielmehr Meter für Meter konnte ich in der folgenden Zeit im Trab aussitzen, immer wieder im Wechsel mit Leichttraben. Eines Tages war sie so relaxed und zuverlässig, das ich “richtig” aussitzen konnte. 🙂
Es gab Leute, die haben das Pferd nicht wieder erkannt oder mich auf die Veränderung sehr positiv angesprochen. Immer, wenn sie einen guten Tag hatte, habe ich mal angefragt, wie es mit Galopp aussieht. Irgendwann (Anfang Mai habe ich angefangen sie zu reiten und jetzt bin ich im August) sprang sie auf der linken Hand für drei holperige Galoppsprünge an um dann im Stechtrab weiter zu rennen. Rechte Hand ging gar nicht.
Ok, dann übern wir eben nur links Galopp..
Heute hat sie mir zum allerersten Mal den Galopp auf beiden Händen “geschenkt” :hurra: :hurra: :hurra:
Ich reite vorerst im leichten Sitz und konnte sie auf der linken Hand wiederholt angaloppieren, den Galopp rund und flüssig halten und auf der rechten Hand ist sie auch angesprungen und einen halben Zirkel durch galoppiert.
Als ich anfing sie zu reiten, ist sie im Trab häufig mit einer Hinterhand weggesackt, weil sie instabil war. Das haben wir hinter uns gelassen. Ich bin sehr froh, das ich mich für dieses Pferd entschieden habe und bin sehr gespannt, was wir in den nächsten anderthalb Jahren noch zusammen erreichen..

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