Courage, der Grössenwahnsinnige – noch ein Herzenspferd

By Tibatong | Pferde ab 4 Jahre

Nachdem ja einige mit gutem Beispiel vorangegangen sind, bekommt mein Oldie jetzt auch seinen eigenen Fred *endlichaufraff*

Courage ist ein jetzt 21j. Vollblüter auf den so ziemlich alle Vollblutklischees passen – von genial bis durchgeknallt die gesamte Bandbreite je nach Tagesform. Daneben ist er ein Seele von Pferd und ich könnte unbesorgt meine Kinder in seiner Box schlafen lassen, er würde auf sie aufpassen.

Seine/unsere Geschichte habe ich schon mal für einen Bericht über Vollblüter nach der Rennkarriere aufgeschrieben und sie gefällt mir immer noch gut genug, dass ich sie hier nochmal wiederhole:

Im März 1988 sprach eigentlich nichts dafür, dass ich ein neues Pferd bräuchte, ich hatte nämlich eines und war sehr glücklich damit. Der alte Gründer, ein Westfale, trug mich noch regelmässig fröhlich-flott durchs Gelände und war kein bisschen langweilig. Und außerdem hatte ich ja jeden morgen die Rennbahn wo ich schöne und schnelle Vollblüter im Training reiten und zu Rennen begleiten durfte. Herz, was willst du mehr….?

Man sieht aber, der Vollblutvirus hatte schon heftig zugeschlagen, das hätte mir eigentlich eine Warnung sein müssen. War es aber nicht und als ein Bekannter mich wegen eines Auslandsaufenthaltes bat, mich um seine hochtragende Vollblutstute zu kümmern, die auf demselben Hof wie Gründer stand, sagte ich gerne ja. Die zickige aber höchst charismatische Vollblutdame Chillon machte das Ganze dann auch sehr spannend und liess uns alle volle 14 Tage “zappeln”, tat immer mal so, als wolle sie in den nächsten Stunden abfohlen und entschied sich dann doch dagegen.

Im Klartext hiess das, ich tigerte jeden Abend so gegen 23.00 zum Stall, um nach dem Rechten zu sehen, während der Bauer, dem der Hof gehörte, dann die Nachtkontrolle gegen 3 Uhr morgens übernahm.

Am 8. März 1988 (es war saukalt) kam ich nach einem leckeren Abendessen mit Freunden erst gegen Mitternacht am Stall an. Da Chillon Störungen ihrer Nachtruhe sehr übel nahm peilte ich durch ein Astloch in der Tür in die riesige, spärlich beleuchtete Abfohlbox und sah Chillon zunächst gemütlich Heu kauend in der Ecke stehen. Sie wanderte danach ein wenig unmotiviert herum (meine Spannung stieg) aber dann stellte sie sich in die Ecke, entlastete das eine Hinterbein und schien sich auf “schlafen” einstellen zu wollen. Ich wartete eine weitere Viertelstunde, die Stute stand völlig relaxed da. Mittlerweile völlig durchgefroren trotz Daunenjacke dachte ich “das wars mal wieder” und wendete mich zum Gehen. Ein letzter Blick auf Chillon liess mich jedoch schlagartig wieder wach werden, kalt war mir plötzlich auch nicht mehr: deutlich sichtbar stiegen Dampfschwaden über der Kruppe der Stute auf, sie begann offenbar, heftig zu schwitzen, trotz immer noch entspannter Körperhaltung. Kurze Zeit später nahm sie ihre rastlose Wanderung wieder auf und legte sich dann hin.

Ich joggte zum Telefon, um den Bauern aus dem Bett zu werfen und als ich wiederkam waren bereits die Fruchtblase und die beiden Vorderbeine zu sehen. Ich ging dann vorsichtig hinein in die Box und nun ging es Schlag auf Schlag. Die Stute stöhnte und presste und so wie es sein sollte erschien der Kopf des Fohlens auf den Vorderbeinen und kurz danach der ganze Körper. Vorsichtig schob ich die Fruchtblase zurück, damit der kleine Kerl atmen konnte und er schaute mich aus grossen Fohlenaugen verwundert an. Eine sichelförmiger Stern und ein ganz schmaler Nasenstrich waren das einzige Weiß an dem sonst pechschwarz erscheinenden kleinen Traumpferdchen. Im “trockenen” Zustand stellte sich später zwar heraus, dass seine Originalfarbe ein ganz ordinäres Braun war, aber ich war ihm bereits restlos verfallen. Irgendwie wusste ich bereits damals, dass dies einmal “mein” Pferd sein musste…

Unsere traute “Dreisamkeit” war jetzt aber schnell zuende, zunächst kamen der Bauer und seine Frau und kurz darauf der Tierarzt. Hektische Geschäftigkeit kam auf, Stute und Fohlen wurden abgerubbelt, untersucht und versorgt und dann saßen wir alle vier noch mit einem Glas Sekt in der grossen Box und warteten, bis der Kleine entdeckt hatte, wozu seine Beine gut sind und wo es Nahrung gibt. Diese friedliche und einfach glückliche Stimmung dort in der grossen Fohlenbox beim Anblick des zufrieden saugenden, gesunden Fohlens werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Gegen 3.00 lag ich dann zuhause im Bett, geschlafen habe ich in dieser Nacht aber wohl nicht mehr……

Chillons Sohn bekam den Namen Courage. Sein Fohlen- und Jährlingsjahr verbrachte er weiter auf “unserem” Hof so dass ich ihn aufwachsen und sich entwickeln sehen konnte. Im Sommer stand dann das Wort “Auktion” in der Luft und brachte mich zum Schwitzen. Ich signalisierte Interesse , ich musste dieses Pferd haben! Wir einigten uns auf einen Preis bar und aus dem Gewinn. Ich rechnete alles durch, schlachtete sämtliche Sparschweine, löste einen Sparvertrag auf, pumpte meine Eltern an und sprang dann ins kalte Wasser. Am 1. August gehörte Courage mir.

Mittlerweile ist mein Pferd 21 Jahre und ich habe den Kauf nie bereut. Er ist “das” Pferd für mich. Ich habe ihn eingeritten, mit ihm gearbeitet, ihn im Rennstall im Training selbst geritten, bin mit ihm zu Rennen gefahren, habe nur wenige Rückschlage und viele Erfolge mit ihm erlebt. Er hat für mich entsprechend seinem Vermögen seine Leistung gebracht und Rennen gewonnen. Durch seine Renngewinne hat er weite Teile meines Studiums “finanziert”, so dass ich weniger jobben musste und mehr Zeit bei den Pferden verbringen konnte;-) Er war ein traumhafter Ritt jeden morgen und später das “weltbeste” Führpferd (O-Ton Trainer) für die Jungpferde und für die Startmaschinenanfänger. Wir hatten eine supertolle Zeit im Rennstall und mein Pferd hat diesen gesund im Kopf und auf den Beinen Anfang neunjährig dann verlassen. Danach stand er wieder auf dem Hof, wo er geboren wurde und später nach einem familienbedingten Umzug auf einem anderen kleinen Hof. Er hat dort täglichen Weidegang in einer Gruppe von 9 Pferden, und mischt seine warmblütigen Kumpels oftmals ganz schön auf. Galoppieren ist immer noch eines seiner bevorzugten Hobbys.

Nachdem wir die erste Zeit nach dem Rennstall aktiv an unserer Dressur gearbeitet haben, reite ich ihn mittlerweile hauptsächlich im Gelände, und da wir uns ganz genau kennen ist er für mich ein super zuverlässiges aber keineswegs langweiliges Pferd. Genie und Wahnsinn waren bei ihm immer schon nur einen Herzschlag auseinander, in dieser Beziehung ist er sich treu geblieben. Und obwohl er mit mir immer für eine lustige Buckelei, einen kleinen Spurt oder ein schnelles Abdrehen als “Reaktionstest” gut ist, gibt er für meine beiden kleinen Kinder brav das Kinderreitpferd und macht mit ihnen keinen falschen Schritt. Auch als Führpferd für das Pony benimmt er sich vorbildlich – ein echtes Charakterpferd eben!

Courage wird bei mir alt werden und ich hoffe, dass er und ich noch viele gesunde und zufriedene Jahre miteinander vor uns haben.

Ein paar Bilder von früher :whistling:

(105) comments

Add Your Reply
>